Pubertät – Ausbildung von Selbstbestimmung, Abgrenzung, Positionierung

Groß war das Interesse am Thema und groß sicher auch die Erwartung an den Referenten Dr. Richard Wagner, der es in den vergangenen Jahren immer wieder schaffte, Eltern dazu zu motivieren, hoffnungsvoll und gelassen an die Entwicklungsaufgabe „Pubertät“ heranzugehen. Den anwesenden Eltern gab Herr Wagner gestützt auf viele Beispiele folgende “Erziehungsaxiome” mit auf den Weg geben:

Im Zusammenspiel von Eltern und Kind solle Erziehungsarbeit von Anfang in Beziehung, “triangulierend”, trialogisch erfolgen. Diese müsse in ihrer Grundausrichtung eindeutig, konsequent und positioniert sein, kein Laissez-faire. In den ersten Lebensjahren bis zur Pubertät sei es wichtig, das eigene Kind zu begleiten, anzuleiten UND es vorbehaltlos zu lieben, denn jüngere Kinder könnten entwicklungsbedingt zwar egozentrisch, aber nie strategisch oder ‚gut‘ oder ‚böse‘ sein. Eltern sollten also führen, ohne zu verletzen, zugewandt sprechen, nie befehlen. Im besten Fall werde in dieser Zeit vom 1. bis zum 10. Lebensjahr eine gute Beziehung aufgebaut, in der sich das Kind “gesehen” und gewertschätzt fühle. Diese positive Grunderfahrung bestehe ein Leben lang, auch während der Phase der Pubertät reiße dieser Beziehungsfaden nicht ab. Umso wichtiger sei es, diese Grundlage in der im Vergleich zur Pubertät doch eher „ruhigen“ Zeit zwischen dem 1. und etwa 10. Lebensjahr aufzubauen, in der Kinder fast widerspruchslos Erziehungsvorgaben akzeptierten, weil psychisch und emotional von den Eltern abhängig. Kinder lebten in dieser Phase noch eine ‘fremde Identität’, die der Eltern, seien Kinder. Die Erziehungsvorstellungen der Eltern und deren Erziehungsverhalten spiegelten die Kinder eins zu eins wider: Empathie fördere Empathie und Aggression gegenüber dem eigenen Kind Aggression und Ablehnung gegenüber den Eltern. Gerade dieses Lernen “in Beziehung” – Jungen am Modell ‘Vater’, Mädchen am Modell ‘Mutter’ – sollte man sich als Erziehende immer wieder bewusst machen. In einer positiven Beziehung zu den Eltern bauten Kinder ein stabiles Selbstwertgefühl und Ich-Stärke auf. Eltern bestimmten also die Qualität der Beziehung zu ihren Kindern entscheidend zum Positiven, aber leider oft auch zum Negativen. Beides habe, so der Referent, Auswirkungen auf den Verlauf der Phase der Pubertät. Mädchen seien von ihrer Grundkonstitution her beziehungs-, und aufgabenbezogen, feinmotorisch im Vergleich zu Jungen im gleichen Alter weiter, da ihr Gehirn von Anfang an voll ausgebildet sei – im Gegensatz zu dem der Jungs, was auch ihre Grobmotorik erkläre, die im Wild- und Aktivsein ausgelebt werden wolle. Gerade bei Mädchen bestehe deshalb die Gefahr, dass sie (zu) viel Kraft in eine gute Beziehung zu den Eltern investierten, dafür viel an Kritik in Kauf nähmen. Um der Gefahr einer Überforderung frühzeitig entgegenzuwirken, sei es wichtig, Mädchen nicht dafür zu loben, dass sie gute Leistungen erbrächten und gut “funktionierten”, sondern sie dafür zu loben, dass sie als Mensch “gut” seien.

Ab der Pubertät (ab dem 12- 14. Lebensjahr etwa) sei – vor allem bei Jungs – das Limbische System der entscheidende Impulsgeber, das ständig Situationen nach dem Lust-Unlust-Prinzip bewerte; getreu den Grundsätzen: “Tut gut, macht Spaß – positiv“; „Ist schlecht, weil anstrengend – negativ.” Rationale Argumente der Eltern mit dem Anspruch der “Deutungshoheit” hätten in dieser Phase kaum eine Chance. In Kombination mit den Wünschen “Ab jetzt übernehme ich die Verantwortung für mein Leben.” und “Gewinnen ist alles!”, zudem “Ich will mich spüren!” entlüden sich in dieser Phase in Widerstandssituationen oft Energien, verursacht durch Stresshormone, in zwischenmenschlichen Explosionen. Permanent bewerte also das Limbische System oder ein Teil davon, die Amygdala, was positiv oder negativ ist. Bei Negativbewertung (“Mag ist nicht, macht keinen Spaß.”) erfolge instinktiv eine emotionale Gegenreaktion, eine Verteidigungshaltung. Mit rationalen Argumenten komme man an Jugendliche in der Phase der Pubertät, die im besten Fall eine emotionale Selbstständigkeit gegenüber den Eltern zur Folge habe, selten heran, weil der Neokortex, für das Denken zuständig, in dieser Phase im Umbau sei und einen drastischen Wachstumsschub erfahre; in dieser Phase sei “Evolution in vollem Gange“: Angriff und Flucht z.B. , was auch das hohe Risikoverhalten von Jungs insgesamt und vor allem in der Pubertät erkläre. Am Ende dieser Phase stehe im besten Fall ein Mensch, der ichstark und eigensinnig sei, der gelernt habe, sich und sein Leben selbst zu verantworten, der im besten Fall zu einer Persönlichkeit herangereift sei, die sich nicht verbiegen lasse.

Was ist für Eltern zu tun? Erziehen heiße in dieser Phase, so der Referent, vor allem “begleiten”, Partizipation, Loyalität zu den eigenen Kinder. Im Gespräch, nicht im Kommandoton, könnten Eltern nach der Befindlichkeit ihres Sohnes / ihrer Tochter fragen. Der Königsweg sei der zuzuhören, Fragen zu stellen, das Gegenüber ernst zu nehmen, keine fertigen Lösungen parat zu haben, keine voreiligen Kommentierungen vorzunehmen, nicht zu drohen, einen Rahmen für ehrliches Verhandeln zu bieten nach vorheriger genauer Problemwahrnehmung, um Lösungen und Hilfestellungen zu finden, die auch der Jugendliche mitverantworten könne und müsse. Einfach als Eltern also präsent sein! Kommentierungen wie “Du machst wirklich immer alles falsch ….”, “Lass dir von mir sagen …” … könnten zu irrreparablen Verletzungen und Beschämungen führen, da sie den Prozesse der Ablösung erschwerten. Gerade bei Jungs. Mädchen hingegen hätten wegen ihrer frühen Sprachentwicklung und ihrer früh entwickelten sozialen Kompetenz einen “Selektionsvorteil”, hätten in der Mutter ein Modell, das sie kopieren könnten, von dem sich Jungen jedoch lösen müssten, was eine schwierigere Entwicklungsaufgabe sei, um dann – hoffentlich – am Modell des eigenen Vaters zu wachsen. Dieser müsse sich somit frühzeitig in der Erziehung ins Spiel bringen, um parallel zur starken mütterlichen Bindung eine andere – väterliche – aufzubauen.

Die Pubertät sei somit eine notwendige, aber auch komplexe, deshalb oft schwierige Entwicklungsaufgabe, um Verantwortung fürs eigene Handeln im Schonraum der Familie zu erlernen. Ein unaufgeräumtes Zimmer unaufgeräumt zu lassen und zu ertragen wäre also ein erster kleiner Schritt hin zur elterlichen Begleitung dieser wunderbaren Entwicklungsphase.

Vielen Dank Herrn Dr. Wagner für den lebendigen und engagierten Vortrag!

scroll to top