“Pubertät als Entwicklungsaufgabe” – Nachlese zum Elternabend

Groß war das Interesse am Thema und groß sicher auch die Erwartung an den Referenten Dr. Richard Wagner, der es in den vergangenen Jahren immer wieder schaffte, Eltern dazu zu motivieren, hoffnungsvoll und gelassen an die Entwicklungsaufgabe „Pubertät“ heranzugehen. Auch dieses Mal konnte er die Erwartungen erfüllen und den anwesenden Eltern folgende “Erziehungsaxiome” mit auf den Weg geben:

Im Zusammenspiel von Eltern und Kind, in Form von Beziehungsarbeit, solle Erziehung von Anfang an erfolgen. Diese müsse in ihrer Grundausrichtung eindeutig, konsequent sein, kein Laissez-faire. In den ersten Lebensjahren sei es also wichtig, das eigene Kind zu begleiten, anzuleiten UND es vorbehaltlos zu lieben. Eltern sollten also führen, ohne zu verletzen, zugewandt sprechen, nie befehlen. Im besten Fall werde in dieser Zeit vom 1. bis zum 5. Lebensjahr eine gute Beziehung aufgebaut, in der sich das Kind “gesehen” und gewertschätzt fühle. Diese positive Grunderfahrung bestehe ein Leben lang, auch während der Phase der Pubertät reiße dieser Beziehungsfaden nicht ab. Umso wichtiger sei es, diese Grundlage in der im Vergleich zur Pubertät doch eher „ruhigen“ Zeit zwischen dem 1. und etwa 10. Lebensjahr aufzubauen, in der Kinder fast widerspruchslos Erziehungsvorgaben akzeptierten, weil psychisch und emotional von den Eltern abhängig. Kinder lebten in dieser Phase noch eine ‘fremde Identität’, die der Eltern, seien Kinder, könnten nicht ‘gut’ oder ‘böse’ sein. Die Erziehungsvorstellungen der Eltern und deren Erziehungsverhalten spiegelten die Kinder eins zu eins wider: Empathie fördere Empathie und Aggression gegenüber dem eigenen Kind Aggression und Ablehnung gegenüber den Eltern. Gerade dieses Lernen “in Beziehung” – Jungen am Modell ‘Vater’, Mädchen am Modell ‘Mutter’ – sollte man sich als Erziehende immer wieder bewusst machen. In einer positiven Beziehung zu den Eltern bauten Kinder ein stabiles Selbstwertgefühl und Ich-Stärke auf. Eltern bestimmten also die Qualität der Beziehung zu ihren Kindern entscheidend zum Positiven, aber leider auch zum Negativen. Beides habe, so der Referent, Auswirkungen auf den Verlauf der Phase der Pubertät. Mädchen seien schon früh beziehungs-, und aufgabenbezogen. Es bestehe die Gefahr, dass sie ganz viel für eine gute Beziehung zu den Eltern investierten, dafür oft viel in Kauf nähmen. Umso wichtiger sei, um der Gefahr einer Überforderung frühzeitig vorzubeugen, Mädchen nicht dafür zu loben, dass sie gute Leistung erbrächten und funktionierten, sondern dafür, dass sie als Mensch “gut” seien.

Ab der Pubertät sei – vor allem bei Jungs – das Limbische System der entscheidende Impulsgeber, der ständig Situationen nach dem Lust-Unlust-Prinzip bewerte; getreu den Grundsätzen: “Tut gut, macht Spaß – positiv“; „Ist schlecht, weil anstrengend – negativ.” Rationale Argumente der Eltern hätten in dieser Phase kaum eine Chance. In Kombination mit den Wünschen “Ab jetzt übernehme ich die Verantwortung für mein Leben.” und “Gewinnen ist alles!”, zudem “Ich will mich spüren!” entlüden sich in dieser Phase oft Energien in zwischenmenschlichen Explosionen. Permanent bewerte also das Limbische System oder ein Teil davon, die Amygdala, was positiv oder negativ ist. Bei Negativbewertung erfolge instinktiv eine Gegenreaktion, eine Verteidigungshaltung. Mit rationalen Argumenten komme man an Jugendliche in der Phase der Pubertät selten heran, weil der Neokortex, für das Denken zuständig, in dieser Phase im Umbau sei und einen drastischen Wachstumsschub erfahre; in dieser Phase sei “Evolution in vollem Gange“. Am Ende dieser Phase stehe im besten Fall ein Mensch, der ichstark und eigensinnig sei, der gelernt habe, sich und sein Leben selbst zu verantworten, der im besten Fall zu einer Persönlichkeit herangereift sei, die sich nicht verbiegen lasse.

Was ist für Eltern zu tun? Erziehen heiße in dieser Phase, so der Referent, vor allem “begleiten”, Partizipation. Im Gespräch, nicht im Kommandoton, könnten Eltern nach der Befindlichkeit ihres Sohnes / ihrer Tochter fragen. Der Königsweg sei der, zuzuhören, Fragen zu stellen, das Gegenüber ernst zu nehmen, keine fertigen Lösungen parat zu haben, keine voreiligen Kommentierungen vorzunehmen, nicht zu drohen, einen Rahmen für ehrliches Verhandeln zu bieten nach vorheriger genauer Problemwahrnehmung, um Lösungen und Hilfestellungen zu finden, die auch der Jugendliche mitverantworten könne und müsse. Einfach als Eltern präsent sein! Kommentierungen wie “Du machst wirklich immer alles falsch ….”, “Lass dir von mir sagen …” … könnten zu irrreparablen Verletzungen und Beschämungen führen. Gerade bei Jungs. Mädchen hingegen hätten wegen ihrer frühen Sprachentwicklung und ihrer früh entwickelten sozialen Kompetenz einen “Selektionsvorteil”, hätten in der Mutter ein Modell, das sie kopieren könnten, von dem sich Jungen jedoch lösen müssten, was eine schwierigere Entwicklungsaufgabe sei, um dann – hoffentlich – am Modell des eigenen Vaters zu wachsen. Dieser müsse sich somit frühzeitig in der Erziehung ins Spiel bringen, um parallel zur starken mütterlichen Bindung eine andere – väterliche – aufzubauen.

Die Pubertät sei somit eine notwendige Entwicklungsaufgabe, um Verantwortung fürs eigene Handeln im Schonraum der Familie zu erlernen. Ein unaufgeräumtes Zimmer, von Eltern so belassen, wäre also der erste Schritt hinein in diese wunderbare Entwicklung.

Vielen Dank Herrn Dr.Wagner für den lebendigen und engagierten Vortrag!

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